- absichtliche Ineffizienz?
Ich wage zu behaupten, dass wir sie alle inzwischen jeden einzelnen Tag mindestens einmal benutzen.
In welcher Form auch immer. In der Freizeit schreiben wir Nachrichten oder schauen kurz etwas nach, im Büro erfassen wir Arbeitszeiten, erstellen Rechnungen oder dokumentieren Projekte. Dabei bewegen sich unsere Finger praktisch automatisch über die Tastatur.
Doch weshalb liegen die Buchstaben eigentlich nicht in alphabetischer Reihenfolge? Und warum tippen wir im deutschsprachigen Raum auf QWERTZ, während andere Länder QWERTY oder AZERTY verwenden?
Die Antwort führt zurück zu den ersten erfolgreichen Schreibmaschinen des 19. Jahrhunderts.
Bei frühen Schreibmaschinen war jede Taste mit einem Typenhebel verbunden. Wurden zwei Buchstaben sehr schnell hintereinander angeschlagen, konnten die Hebel zusammenstossen oder sich verhaken.
Nach der verbreitetsten Erklärung wurden deshalb Buchstaben, die im Englischen häufig direkt aufeinanderfolgen, so angeordnet, dass ihre Typenhebel im inneren der Maschine möglichst weit auseinander lagen. Dadurch konnten sie auch bei hohem Schreibtempo nacheinander ausschlagen, ohne sich gegenseitig zu blockieren.
Bild: Mechanische Schreibmaschine mit dicht angeordneten Typenhebeln.
Bei jedem Tastendruck schnellt einer der schmalen Metallhebel nach oben.
Wurden zwei benachbarte Hebel zu schnell hintereinander ausgelöst,
konnten sie zusammenstossen und sich verhaken.
Ganz eindeutig lässt sich die Entstehung allerdings nicht mehr rekonstruieren. Auch ist belegt, dass die Anordnung während ihrer Entwicklung mehrfach verändert wurde. Historische Untersuchungen vermuten deshalb, dass neben der Mechanik auch Telegrafisten eine wichtige Rolle spielten. Sie gehörten zu den ersten professionellen Nutzern und mussten Nachrichten aus dem Morsecode möglichst schnell in normalen Text übertragen.
Sicher ist: QWERTY entstand nicht als fertige Idee, sondern erfolgte schrittweise aus technischen Einschränkungen, praktischen Erfahrungen und zahlreichen Anpassungen.
1868 hatten die Erfinder der patentierten Schreibmaschine, Christopher Latham Sholes und Carlos Glidden, zwar einen funktionierenden Prototyp, aber noch kein Produkt, das sich zuverlässig in grossen Stückzahlen herstellen liess. Dafür brauchten sie einen erfahrenen Industriepartner.
Und so kam 1873 E. Remington & Sons ins Spiel. Der Waffen- und Nähmaschinenhersteller verfügte über präzise Fertigungsanlagen, erfahrene Mechaniker und die nötigen finanziellen Mittel. Remington überarbeitete die Maschine, machte sie robuster und brachte sie 1874 auf den Markt.
Den eigentlichen Durchbruch schaffte 1878 dann die Remington No. 2. Sie verwendete schon QWERTY und konnte dank der neuen Umschalttaste erstmals Grossbuchstaben und Kleinbuchstaben mit denselben Tasten schreiben.
Der springende Punkt dabei:
Remington verkaufte nicht nur Schreibmaschinen, sondern förderte auch deren Nutzung durch Schreibkurse, die gegen eine kleine Gebühr angeboten wurden. Angehende Schreibkräfte lernten dabei, die Positionen der Buchstaben auswendig zu beherrschen, und ohne Blick auf die Tasten zu schreiben.
Bedeutet: wer einmal auf QWERTY ausgebildet war, wollte am nächsten Arbeitsplatz nicht wieder eine völlig neue Anordnung lernen.
Folglich kauften Unternehmen natürlich bevorzugt Maschinen, mit denen bereits geschulte Schreibkräfte arbeiten konnten.
Gleichzeitig wurden immer mehr Menschen auf QWERTY ausgebildet. So verstärkten sich Verkauf und Ausbildung gegenseitig.
Als sich 1893 dann noch fünf der grössten amerikanischen Schreibmaschinenhersteller zusammenschlossen und QWERTY als gemeinsamen Standard übernahmen, war die Anordnung kaum noch aufzuhalten.
Bild: Remington Typewriter No. 2 by Sholes/Glidden, 1878
(Quelle: Martin Howard, Wikimedia Commons, CC BY SA 4.0)
Ein weiteres kurioses Detail, das immer wieder in der Geschichte der Tastatur auftaucht: Das englische Wort «TYPEWRITER» lässt sich vollständig mit den Buchstaben der obersten Tastaturreihe schreiben.
Der Legende nach war das kein Zufall. Verkaufspersonal sollte den Namen der neuen Schreibmaschine bei Vorführungen besonders schnell tippen können und damit potenzielle Kunden beeindrucken.
Ob die Buchstaben tatsächlich aus diesem Grund angeordnet wurden, ist nicht eindeutig belegt. Die Geschichte zeigt aber, dass sich gutes Produktmarketing offenbar schon im 19. Jahrhundert direkt in die Bedienung eines Produkts einbauen liess.
Eine andere Besonderheit hatte dagegen einen ganz praktischen Grund: Was sich ersetzen liess, wurde weggespart. Schreibmaschinen besassen teilweise keine eigenen Tasten für 0 und 1. Stattdessen verwendete man ein grosses O und ein kleines l. Jede zusätzliche Taste hätte mehr Mechanik, höhere Kosten und zusätzlichen Wartungsaufwand bedeutet.
Mit der Verbreitung der Schreibmaschine wurde die amerikanische Belegung an verschiedene Sprachen angepasst.
Im Deutschen kommt das Z deutlich häufiger vor als das Y. Deshalb tauschten die beiden Buchstaben ihre Position. Aus QWERTY wurde QWERTZ. Zusätzlich erhielten Umlaute und das ß eigene Plätze.
Im Französischen dagegen setzte sich AZERTY durch. Dabei wurden unter anderem A und Q sowie Z und W vertauscht. Häufig benötigte Akzentzeichen wie é, è, à und ç erhielten eigene Plätze.
Eine besondere Variante bildet auch die Schweizer Tastatur. Sie wurde so gestaltet, dass sie in allen Sprachregionen verwendet werden kann: Auf denselben Tasten finden sich sowohl die deutschen Umlaute ä, ö und ü als auch die französischen Zeichen à, é und è. Welche Zeichen direkt erscheinen und welche mit der Umschalttaste geschrieben werden, hängt von der gewählten Spracheinstellung ab.
Das ß fehlt, weil im Schweizer Hochdeutsch stattdessen ss geschrieben wird. Auch Tastenbezeichnungen wie Ctrl oder Del sind sprachneutral gehalten.
Damit ist die Schweizer Tastatur mehr als nur eine leicht veränderte deutsche Tastatur. Sie ist ein gemeinsamer Standard für ein mehrsprachiges Land. Unternehmen können dieselben Geräte in allen Regionen einsetzen und Mitarbeitende können über Sprachgrenzen hinweg damit arbeiten.
Die Schweizer Belegung ist bis heute in der Norm SN 074021:1999 festgelegt.
Moderne Tastaturen besitzen keine Typenhebel mehr. Technisch könnten wir die Buchstaben heute beliebig anordnen.
Trotzdem verwenden wir weiterhin ein System, dessen Wurzeln mehr als 150 Jahre zurückreichen. Millionen Menschen haben gelernt, damit zu schreiben. Programme, Geräte, Tastenkürzel und Arbeitsabläufe orientieren sich daran. Ein Wechsel wäre möglich, würde aber zunächst mehr Aufwand als Nutzen verursachen.
Genau das kennen wir auch aus Unternehmen.
Viele Prozesse wurden irgendwann eingeführt, um ein damaliges Problem zu lösen. Später verändert sich das Umfeld, doch der Prozess bleibt bestehen. Nicht unbedingt, weil er noch immer die beste Lösung ist, sondern weil alle daran gewöhnt sind, und andere Abläufe davon abhängen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
Funktioniert es?
Sondern auch:
Ist das heute noch der beste Weg?
Die Geschichte zeigt uns immer wieder: Der Grund, weshalb eine Lösung entstanden ist, muss nicht mehr derselbe sein, weshalb er bis heute besteht.
Jimmy Stamp und Ellen Wexler: The QWERTY Keyboard Will Never Die . Smithsonian Magazine, aktualisiert 2025.
Constantin Goldann: Woher kommt unsere Tastaturbelegung? . SWR Kultur, 2024.
Koichi Yasuoka und Motoko Yasuoka: On the Prehistory of QWERTY . Kyoto University Research Information Repository, 2011.
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National Museum of American History: Remington Standard No. 2 Typewriter .
Typewriter: Schweizer Tastatur: Grosse Umlaute richtig schreiben . 2021.
Wikipedia: Die QWERTZ Tastaturbelegung .
Wikipedia: Die Schweizer Tastaturbelegung .